Der Festhalter

Wir sind die Generation die mit Abstand die schlechtesten Bilder seit Erfindung des Fotoapparates knipst.

Auf Konzerten trifft man ihn besonders häufig an, er ist aber immer dabei, wo wir uns bewegen: beim abendlichen Grillfest im Park, auf der Rückbank im Auto und wenn wir euphorisiert durch fremde Städte laufen. Der Festhalter ist ein digitaler Moment-Sammler. Selber oft unsicher, was er eigentlich will, will er sein Leben auf der Speicherkarte der Handy-Kamera sichern. Die Kamera in der Hand wird so zum Instrument gegen eine kollektive Vergessensangst. Papstwählende Kardinäle knipsen genauso gegen den Fortgang der Zeit an wie Bayern-Spieler, die auf dem Münchner Rathausbalkon die Meisterschaft feiern. Die Festhalter wollen sich die Möglichkeit schaffen, jederzeit nochmal auf diesen einen Moment zurückgreifen zu können.Das funktioniert sehr gut, wenn man die Gedankenwelt des Fotografierenden als Maßstab wählt. Es funktioniert jedoch gar nicht, wenn man die Fotos betrachtet, die so entstehen.

Wir sind– man muss es so ehrlich sagen – die Generation, die mit Abstand die schlechtesten Bilder seit der Erfindung des Fotoapparats knipst. Und das, obwohl keine Generation vor uns auf dieses Heer an Pixeln zurückgreifen konnte. Technische Ausstattung und fotografische Qualität waren vermutlich nie so weit voneinander entfernt wie heute. Das ist ästhetisch schade, aber vor allem methodisch ein Problem: Vor lauter Euphorie töten wir mit dem Apparat in der Hand nicht nur die Schönheit des Augenblicks, wir vertrauen fälschlicherweise auch voll und ganz auf die Technik. Doch die läßt uns verlässlich im Stich.

 

gefunden in der Süddeutschen Zeitung.........

"Jeder weiß, daß die Marke der Schreibmaschine nichts mit der Fähigkeit zu tun hat, einen fesselnden Roman zu erschaffen, obwohl eine bessere Schreibmaschine das Tippen etwas angenehmer macht. Also warum glauben so viele anderweitig vernünftige Menschen, daß die Kamera, oder genaue Kenntnis über Verschlußzeiten, Objektivbau oder Kameratechnik irgendwas mit der Fähigkeit zu tun hat, ein interessantes Foto zu schaffen, und nicht damit, die Bequemlichkeit des Fotografen zu verbessern?“

Ken Rockwell

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© Michael Calcada, Springe